Ein Teil des an der Oberfläche von Flade Isblink entstehenden Wassers fließt nicht sofort weiter zu den Seen und Fjorden. Es bleibt unter dem Eis zurück. Eine am 3. Juli 2026 in Scientific Reports veröffentlichte Studie, die die Europäische Weltraumorganisation am 15. Oktober vorstellte, beschreibt einen subglazialen See, dessen Füllung und Entleerung den Zeitpunkt des Wasserabflusses verschieben.
Das Ergebnis ist aus einem ganz konkreten Grund für hydrologische Modelle relevant: Zu wissen, wie viel Eis geschmolzen ist, sagt noch nicht, wann das Wasser flussabwärts ankommt. Dazwischen kann ein verborgener Wasserspeicher einen erheblichen Teil des Oberflächenabflusses zurückhalten. Das bedeutet weder, dass die Schmelze zum Stillstand kommt, noch, dass dieses Wasser in der Bilanz verschwindet.
Ein lokaler Wasserspeicher, keine Reserve für ganz Grönland
Der von den Forschenden Lake B genannte See liegt unter dem westlichen Teil der Eiskappe von Flade Isblink im Nordosten Grönlands. Diese eigenständige Eiskappe ist vom grönländischen Eisschild insgesamt zu unterscheiden. Das Einzugsgebiet des Sees ist das Gebiet, aus dem ihm Wasser zufließt; auf diesen Bereich beziehen sich die genannten Anteile.
Der Darstellung der ESA zufolge kann die gespeicherte Wassermenge etwa 0,37 Milliarden Kubikmeter erreichen, bei einer Unsicherheit von 0,11 Milliarden. Die Schätzung entspricht einem Maximum von 63 % des jährlichen Oberflächenabflusses im Einzugsgebiet, bei einer Unsicherheit von 23 Prozentpunkten. Die Bandbreite ist also groß. Einfach von « 63 % des Schmelzwassers Grönlands » zu sprechen, würde sowohl den Maßstab als auch die Bedeutung der Entdeckung verändern.
Das darunterliegende Felsrelief bildet eine Senke, in der sich Wasser ansammeln kann. Ihre Lage, die bis zu etwa 600 Meter unter dem Meeresspiegel beschrieben wird, ist kein Maß für die Wassertiefe des Sees. Es handelt sich um die Höhe des überdeckten Reliefs, also um einen anderen Indikator.
Die Bewegung des Eises beobachten, um das Wasser zu verstehen
Die verwendeten Satelliten fotografieren diesen See nicht direkt durch seine Eisdecke hindurch. Die Untersuchung stützt sich auf Veränderungen der darüberliegenden Oberfläche. Wenn sich darunter Wasser ansammelt, hebt sich diese Oberfläche; wenn es abfließt, senkt sie sich.
Die Forschenden kombinierten mehrere Arten von Messungen aus dem Zeitraum von Oktober 2018 bis Dezember 2024. ICESat-2 liefert mithilfe von Lasermessungen Höheninformationen. Radaraufnahmen von Sentinel-1 dienen dazu, Bewegungen zu erkennen; die Geländemodelle ArcticDEM ergänzen die Messreihe. Ein regionales Klimamodell liefert eine Schätzung der im Einzugsgebiet entstehenden Wassermenge.
Die Darstellung der ICESat-2-Mission durch die NASA hilft zu verstehen, was dieses Instrument misst: Es wurde im September 2018 gestartet und erfasst unter anderem die Höhe von Eisflächen. Erst die wiederholten Veränderungen im Abgleich mit anderen Beobachtungen machen das Phänomen interpretierbar. Aus einem einzelnen Landschaftsbild ließe sich dieser Vorgang nicht rekonstruieren.
Die ESA berichtet von einer Hebung um bis zu etwa zehn Meter während der Auffüllung und von Absenkungen um bis zu 34 Zentimeter pro Tag während der Entleerung. Diese Werte beschreiben die Bewegung der Oberfläche über dem Wasserspeicher, nicht eine gleichmäßige Ausdünnung der gesamten Eiskappe.
Schmelze im Sommer, Wasserabfluss im Herbst
Der beobachtete Zyklus verläuft in der Regel in zwei Phasen. Während der Schmelzsaison sammelt sich Wasser an; die Entleerung findet vor allem im September und Oktober statt. Die Forschenden stellen somit eine Verzögerung von zwei bis drei Monaten zwischen dem Höhepunkt der Oberflächenschmelze und dem Wasserzufluss flussabwärts fest.
Die Messreihe weist eine bemerkenswerte Ausnahme auf: 2022 wurde keine Entleerung beobachtet. In diesem Jahr waren die Schmelzraten im untersuchten Zeitraum am niedrigsten. Die Autorinnen und Autoren vermuten, dass eine bestimmte Mindestmenge an Zufluss erreicht werden muss, damit der Abfluss ausgelöst wird. Diese Deutung ist weiterhin eine aus den Beobachtungen abgeleitete Hypothese und keine inzwischen für alle subglazialen Seen nachgewiesene Regel.
Auch beim weiter flussabwärts gelegenen See Romer Sø zeigen sich zeitlich versetzte Volumenänderungen. Ihr Zusammenhang mit den Entleerungen von Lake B deutet auf eine hydrologische Verbindung hin. Es ist diese Übereinstimmung zwischen den Messreihen, nicht ein spektakuläres Bild, die der Untersuchung ihre Bedeutung verleiht.
Was das für die Modelle bedeutet
Ein Modell, das das gesamte Schmelzwasser sofort flussabwärts gelangen ließe, könnte einen Teil dieses saisonalen Rhythmus übersehen. Die Speicherung unter dem Eis macht es daher notwendig, zwischen Entstehung, vorübergehender Rückhaltung und Freisetzung zu unterscheiden. Zwei Jahre mit einer vergleichbaren Schmelzwassermenge müssen nicht zwangsläufig zu einem identischen zeitlichen Muster der Wasserzuflüsse führen.
Für Seen und Fjorde kann der Zeitpunkt, zu dem Süßwasser eintrifft, bei manchen physikalischen und ökologischen Wechselwirkungen ebenso wichtig sein wie seine Menge. Die ESA nennt insbesondere die Wasserschichtung und die Primärproduktion als möglicherweise betroffene Bereiche. Die Studie weist jedoch keine konkrete Wirkung auf eine Tierpopulation oder die Produktivität eines Fjords nach.
Die Aussagekraft der Arbeit ist gezielter und zugleich fundierter: Sie dokumentiert einen verborgenen Mechanismus, misst ihn über mehrere Jahre und zeigt, warum er in die Berechnungen einbezogen werden sollte. Ein saisonaler Wasserspeicher kann den Abfluss verzögern; eine Lösung für die Erderwärmung ist er nicht.
Illustrationsfoto: der Heimdal-Gletscher im Osten Grönlands, 2018. Es zeigt nicht den Standort von Lake B.






