Marie Schreiber überquerte beim Sprint der Frauen Elite bei den Cyclocross-Europameisterschaften in Zeddam als Erste die Ziellinie. Das offizielle Ergebnis sprach den Titel jedoch Lucinda Brand zu, nachdem die Jury die Reihenfolge im Zieleinlauf wegen eines Regelverstoßes im Sprint geändert hatte. Die Luxemburgerin ficht die Entscheidung an; der Unterschied zwischen diesen beiden Momenten ist entscheidend, um den Vorfall zu verstehen.
Erst ein Dreikampf, dann ein Zweiersprint
Laut der Union Européenne de Cyclisme (UEC) schlug Schreiber von Beginn des Rennens an ein hohes Tempo an. Sie setzte sich gemeinsam mit den Niederländerinnen Brand und Ceylin del Carmen Alvarado ab. Die drei Fahrerinnen bauten ihren Vorsprung auf die Verfolgerinnen aus und machten den Titel unter sich aus.
In den letzten Augenblicken wurde der Kampf enger. Ein Sturz bremste Alvarado, sodass Schreiber und Brand den Sieg im Sprint unter sich ausmachten. Schreiber überquerte als Erste die Ziellinie. Diese erste Reihenfolge im Zieleinlauf war jedoch nicht ausschlaggebend für die Vergabe des Europameistertrikots: Die Jury stellte anschließend im Schlusssprint einen Regelverstoß fest und erklärte Brand vor Schreiber und Alvarado zur Siegerin.
Am Ende des Rennens am Samstag, dem 7. November 2026, standen somit Brand, Schreiber und Alvarado auf dem offiziellen Podium der Frauen Elite. Der Zieleinlauf erzählt die Geschichte des Sprints; die Entscheidung der Jury bestimmt die Rangfolge, nach der die Medaillen vergeben werden.
Worum es bei der Anfechtung geht
RTL berichtet, dass die Sanktion mit einem «Wellen» genannten Manöver zusammenhängt – im Zusammenhang mit einem Sprint ein Richtungswechsel, durch den einer Gegnerin der Weg abgeschnitten werden kann. Es geht also um Schreibers Bewegung auf der Zielgeraden und deren Auswirkungen auf Brand, nicht um den Rennverlauf insgesamt.
Die allgemeine Definition reicht nicht aus, um den konkreten Fall zu beurteilen. Ein Richtungswechsel kann sichtbar sein, ohne dass sein regelwidriger Charakter oder seine Folgen für das Publikum automatisch erkennbar sind. Die UEC spricht von einem Regelverstoß im Schlusssprint, während Schreiber die Entscheidung für ungerecht hält. Diese Aussagen bringen unterschiedliche Positionen zum Ausdruck: Die eine gibt die sportliche Entscheidung wieder, die andere die Reaktion der Fahrerin.
Schreiber erklärte gegenüber RTL, sie räume ein, sich leicht bewegt zu haben, halte diese Bewegung in einem Sprint aber für normal. Außerdem sagte sie, die Kommissäre hätten ihr vor der Entscheidung nicht ausreichend zugehört. Das sind ihre Aussagen zum Verfahren und zu ihrer Bewegung; sie ändern für sich genommen nichts an der von der UEC veröffentlichten Rangliste.
Ein erster Wettkampftag mit drei Titeln
Der Wettbewerb der Frauen Elite eröffnete das Europameisterschaftswochenende, an dem zwei weitere Rennen stattfanden. Bei den Männern unter 23 Jahren gewann der Franzose Aubin Sparfel den Sprint vor den Belgiern Giel Lejeune und Viktor Vandenberghe. Der 20-Jährige holte damit seinen zweiten kontinentalen Titel, nachdem er 2023 in Pontchâteau bei den Junioren gewonnen hatte.
Bei den Juniorinnen gewann die 16-jährige Belgierin Lentel Huys im Alleingang. Die Schweizerin Shana Huber wurde mit neun Sekunden Rückstand Zweite, die Niederländerin Nynke Jochems mit siebzehn Sekunden Rückstand Dritte. Die drei verbleibenden Titel – Männer Junioren, Frauen unter 23 Jahren und Männer Elite – werden am Sonntag, dem 8. November, vergeben. Diese Kategorien sind von jener zu unterscheiden, in der Schreiber antrat: Ihre Ergebnisse ändern nichts an ihrer Platzierung.
Brand ist Meisterin, Schreiber Zweite
Das sportliche Ergebnis ist eindeutig: Der kontinentale Titel geht an Brand und nicht an Schreiber. In der von der UEC veröffentlichten Rangliste belegt Alvarado ebenfalls den dritten Platz; sie war im Finale durch ihren Sturz gebremst worden. Die Entscheidung macht den bisherigen Rennverlauf der drei Athletinnen nicht ungeschehen, ändert aber den offiziellen Ausgang.
Jempy Drucker erklärte laut RTL, der luxemburgische Verband beabsichtige, Einspruch einzulegen. Zugleich sagte er, es sei schwer vorherzusagen, ob dieser Erfolg haben werde. Er bezeichnete den Schritt auch als Zeichen der Unterstützung für Schreiber. Die Ankündigung eines Einspruchs bedeutet zum jetzigen Zeitpunkt also weder, dass ihm stattgegeben wurde, noch, dass sich die Rangliste geändert hat.
Um den weiteren Verlauf zu verfolgen, ist das vom Veranstalter bestätigte Ergebnis maßgeblich und nicht allein die Reihenfolge beim Überqueren der Ziellinie. Über eine mögliche Änderung könnte erst nach einer entsprechenden Entscheidung berichtet werden. Bis dahin ist Brand die Europameisterin 2026 der Frauen Elite in Zeddam; Schreiber steht auf dem zweiten Platz und ficht die Sanktion an.
Quellen
- Union Européenne de Cyclisme, Ergebnisse und Bericht vom Wettkampftag in Zeddam
- RTL Info, Reaktion von Marie Schreiber nach der Sanktion
Marie Schreiber beim Grand Prix von Bensheim in Deutschland am 11. September 2022. Archivfoto.
Bildnachweis: Kuebi = Armin Kübelbeck — Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0.






