In Murrayfield erzielte Schottland in der ersten Halbzeit drei Versuche und ging mit nur drei Punkten Rückstand auf Neuseeland in die Kabine. Danach gelang dem Team kein weiterer Punkt. Bei der Auftaktpartie der Nations Championship unterlagen die Schotten mit 43:21. Sie bezahlten für ihre mangelnde Disziplin, aber auch dafür, dass sie den Ball nicht behaupten und nach der Pause keinen Raumgewinn erzielen konnten.
Der Spielstand erzählt von einer klaren Wende. Das Spiel selbst zeigt, wie sie zustande kam: Auf eine erste Halbzeit, in der beide Mannschaften Lücken fanden, folgte eine zweite, die von den All Blacks dominiert wurde. Sie waren mit ihrem hohen Kickspiel unter Druck und in der Verteidigung effektiver.
Eine offene, aber kostspielige erste Halbzeit
Schottland setzte die neuseeländische Verteidigung zunächst unter Druck. Der Hakler Ewan Ashman erzielte vor der Pause drei Versuche und hielt seine Mannschaft damit trotz der vier Versuche der All Blacks im Spiel. Zur Halbzeit führte Neuseeland mit 24:21.
Der hohe Punktestand bedeutete nicht, dass die Schotten die Partie kontrollierten. Neuseelands Trainer Dave Rennie räumte ein, dass seiner Mannschaft in der ersten Halbzeit die Disziplin gefehlt hatte. Die All Blacks kassierten unter anderem Straftritte, nachdem sie Schwierigkeiten beim Herausspielen aus der eigenen Hälfte gehabt hatten und Entscheidungen in den Rucks geahndet worden waren – jenen Phasen, in denen die Spieler nach einem Tackle am Boden um den Ballbesitz kämpfen.
Die Fouls verhinderten auch, dass Neuseeland sich souverän im Spiel festsetzen konnte. Im Spielbericht des neuseeländischen Verbands heißt es, dass zwei gelbe Karten für Peter Lakai und Wallace Sititi diese Phase erschwerten. Schottland wusste die Räume und Chancen zu nutzen, die sich boten – vor allem in der Nähe der gegnerischen Linie.
Um den Anschluss zu halten, musste Schottland nach der Rückkehr auf den Platz weiter Druck machen. Genau das verhinderten die Gäste.
Das Kickspiel verlagert den Druck
Nach der Pause setzte Neuseeland häufiger auf hohe, umkämpfbare Kicks: Der Ball wurde in die Höhe geschossen, damit die nachsetzenden Spieler um den Ballbesitz kämpfen konnten. Laut dem Bericht der All Blacks hatten die Schotten zuvor lange Kicks aufnehmen und anschließend wieder angreifen können. Die neuseeländische Verteidigung war bei der Verfolgung der Kicks damals schlecht abgestimmt.
Mit der Änderung verlagerte sich das Problem. Statt Schottland mit viel Raum für einen Gegenangriff zu lassen, setzten die All Blacks die Spieler bei der Ballannahme unter Druck. Ihre Spieler eroberten den Ball zurück und zwangen die Schotten, näher an der eigenen Linie zu verteidigen. Diese Strategie änderte nicht nur die Art des Kickspiels: Sie machte es Schottland auch schwerer, den Ballbesitz zu behaupten und seine Angriffsphasen aneinanderzureihen.
Auch das Gedränge bot Neuseeland eine Plattform, um Raum zu gewinnen und territorialen Druck auszuüben. Rennie lobte es nach dem Spiel, meinte aber zugleich, seine Mannschaft hätte in der Nähe der schottischen Mallinie geduldiger sein können. Anders gesagt: Der Sieg hätte noch deutlicher ausfallen können, wenn die All Blacks manche Chancen besser genutzt hätten.
Die Folge ist klar: Schottland erzielte in der zweiten Halbzeit keinen Punkt. Die Neuseeländer legten durch Josh Moorby, Beauden Barrett und Asafo Aumua drei weitere Versuche nach und erhöhten den Spielstand auf 43:21.
Schottlands Kapitän räumt eigene Verantwortung ein
Sione Tuipulotu, Kapitän Schottlands, musste nach einer gelben Karte vorübergehend auf die Bank. In Aussagen, über die STV berichtete und die RTL aufgriff, räumte er ein, dass seine Mannschaft nicht diszipliniert genug gewesen sei und sein eigener Ausschluss nicht geholfen habe: Zehn Minuten ohne den Kapitän zu spielen, erschwere die gemeinsame Aufgabe, betonte er.
Auch Schottlands Trainer Gregor Townsend machte die Fouls dafür verantwortlich, dass die All Blacks bis in die Nähe der Mallzone vordringen konnten. Außerdem bemängelte er, dass seine Mannschaft nach der Pause mit dem Ball nicht präzise genug gewesen sei. Diese Einschätzung verbindet zwei Aspekte, die in Kommentaren oft getrennt betrachtet werden: Die Straftritte halfen Neuseeland, die Oberhand zu gewinnen, während Schottland nicht mit ausreichend sicherem Ballbesitz darauf reagieren konnte.
Die mangelnde Disziplin erklärt also nicht alles. Zur Pause betrug der Abstand weiterhin nur drei Punkte, obwohl es in der ersten Halbzeit bereits viele Versuche gegeben hatte. Entscheidend war auch, dass die All Blacks ihre Ausbrüche aus der eigenen Hälfte verbessern und ein Kickspiel durchsetzen konnten, bei dem die hohen Bälle schwieriger zu verteidigen waren. Eine Mannschaft fand Lösungen; die andere erzielte nach der Pause keinen Punkt mehr.
Ein Sieg in einer Woche der Trauer
Die All Blacks errangen den Sieg unter schwierigen Umständen. Logan Cadwallader, Sicherheitsbeauftragter und seit zehn Jahren Mitglied des Teams, starb in der Woche vor dem Testspiel in Edinburgh. Der neuseeländische Verband teilt mit, dass die Spieler schwarze Armbinden trugen und sich auch einige nicht für das Spiel aufgestellte Mitglieder des Teams dem Haka vor dem Spiel anschlossen, um ihm die Ehre zu erweisen.
Nach dem Spiel erklärte Kapitän Codie Taylor, dass die Mannschaft für Cadwallader habe gewinnen wollen und dass die Woche über den Rugby hinausgegangen sei. Diese Aussage macht deutlich, welche besondere Belastung mit der Partie verbunden war, ohne die Trauer zur Erklärung des Ergebnisses zu machen: Auf dem Platz mussten die All Blacks ihre Schwierigkeiten aus der ersten Halbzeit korrigieren und übernahmen nach der Pause die Kontrolle.
Der Sieg verlängert auch eine historische Erfolgsserie der Neuseeländer. Laut der nach dem Spiel veröffentlichten Bilanz stehen nun 32 Siege und zwei Unentschieden aus 34 Tests gegen Schottland seit 1905 zu Buche. Zudem waren sie in der ersten Ausgabe der Nations Championship nach drei Siegen im Juli im auf der Südhalbkugel ausgetragenen Teil weiterhin ungeschlagen.
Als Nächstes sollte Neuseeland in Cardiff gegen Wales antreten. Ob Jordie Barrett einsatzbereit sein würde, war nach dem nicht bestandenen Test im Rahmen des Gehirnerschütterungsprotokolls noch ungewiss. Auch Art und Schwere einer möglichen Verletzung von Will Jordan mussten laut Trainer Dave Rennie noch beurteilt werden. Für Schottland ist die Lehre aus Murrayfield unmittelbarer: Eine produktive erste Halbzeit reicht nicht, wenn Fouls dem Gegner Raum verschaffen und der eigene Ballbesitz anschließend zusammenbricht.
Quellen
- All Blacks: Spielbericht und Aussagen nach dem Spiel
- RTL Today: Reaktion der Schotten auf die Niederlage
Das Murrayfield-Stadion in Edinburgh. Archivaufnahme des Spielorts.
Bildnachweis: Iain Lees — Wikimedia Commons — CC BY-SA 2.0.






