Zwei Wälder miteinander zu verbinden, kann der Tierwelt einen Durchgang eröffnen. Doch ein Korridor wird dadurch nicht zu einem ausgewachsenen Wald. Im Osten Madagaskars verbindet ein Projekt den Nationalpark Andasibe-Mantadia mit dem Sonderreservat Analamazaotra und kombiniert die Pflanzung einheimischer Arten mit ökologischer Beobachtung und lokalen Maßnahmen. Erste Zahlen und Beobachtungen sind ermutigend, belegen aber noch keine dauerhafte Wiederherstellung des Lebensraums.
Eine seit den 1960er-Jahren zersplitterte Waldlandschaft
Die beiden Schutzgebiete beherbergen etwa ein Dutzend Lemurenarten sowie eine große Vielfalt weiterer Tiere und Pflanzen. Der Wald, der sie einst verband, wurde in den 1960er-Jahren zersplittert, als Flächen für Landwirtschaft und Weideland gerodet wurden. Zwischen den Waldstücken erschweren degradierte Flächen die Bewegungen der Tierwelt und verringern die Kontinuität des Lebensraums.
Das 2023 gestartete Korridorprojekt soll 150 Hektar einheimischen Wald wiederherstellen. Diese Fläche ist ein Ziel und kein bereits erreichtes Ergebnis. Laut einem im April 2026 veröffentlichten Bericht von Mongabay wurden auf 70 Hektar mehr als 100 einheimische Baumarten gepflanzt. Das Saatgut stammt aus benachbarten Wäldern, darunter Parks und nahegelegene Gemeindewälder.
Die Vielfalt der gepflanzten Arten ist wichtig: Ein Lebensraum wird nicht allein dadurch wiederhergestellt, dass der Boden mit Bäumen bedeckt wird. Die ausgewählten Arten müssen sich unter den örtlichen Bedingungen etablieren können und mit der Zeit dazu beitragen, der Tierwelt nützliche Ressourcen und Strukturen bereitzustellen. Bestimmte gepflanzte Arten werden von Lemuren bevorzugt, so die Projektverantwortlichen. Doch junge Bäume allein reichen nicht aus, um die vielfältigen Funktionen eines alten Waldes wiederherzustellen.
Was die ersten Beobachtungen zeigen – und was nicht
Die im Bericht beschriebene ökologische Beobachtung konzentriert sich auf eine 30 Hektar große Untersuchungsfläche. Dort stehen zwischen 1 200 und 1 500 Setzlinge pro Hektar. Die Hälfte der Fläche wurde mit Setzlingen bepflanzt, die in mit Mykorrhizapilzen geimpftem Boden gezogen wurden. Diese Pilze leben in Verbindung mit den Wurzeln und können das Pflanzenwachstum fördern.
Das Feldteam kontrolliert jeden Hektar dieser Untersuchungsfläche einmal pro Woche. Dabei erfasst es unter anderem die Identität der Setzlinge, ihr Pflanzdatum, ihr Wachstum und beobachtete Ausfälle. Die Projektpartner berichten für die untersuchte Fläche von einer Sterblichkeitsrate der Setzlinge von etwa 4 %. Einige Setzlinge sollen in ihren ersten Jahren etwa zwei Meter hoch geworden sein.
Diese Ergebnisse beziehen sich auf eine bestimmte Fläche und eine bestimmte Phase der Wiederherstellung. Sie beschreiben weder allein die gesamten bepflanzten 70 Hektar noch den künftigen ökologischen Zustand der angestrebten 150 Hektar. Eine niedrige Sterblichkeitsrate der Setzlinge ist ein Hinweis darauf, dass die Bäume anwachsen, aber kein umfassendes Maß für die Qualität des Lebensraums oder die Entwicklung der Tierpopulationen.
Ein in Mongabay zitierter, nicht am Projekt beteiligter Fachmann beurteilt die Ergebnisse als vielversprechend und schätzt, dass die Mykorrhiza-Impfung einer der begünstigenden Faktoren sein könnte. Er bezeichnet sie nicht als gesicherte Ursache. Diese Unterscheidung ist wichtig: Das beobachtete Wachstum kann von mehreren Bedingungen abhängen, und die Beobachtung muss fortgesetzt werden, um die Entwicklung des Korridors besser beurteilen zu können.
Lemuren in einem noch jungen Lebensraum
Die Projektverantwortlichen berichten vom Besuch einer Familie Östlicher Grauer Bambuslemuren (Hapalemur griseus). Außerdem haben bioakustische Überwachungsgeräte die Ultraschallrufe des Goodman-Mausmakis (Microcebus lehilahytsara), eines kleinen nachtaktiven Lemuren, aufgezeichnet. Nach Angaben der Projektverantwortlichen scheint diese Art in den beiden Jahren nach Beginn der Pflanzungen im Korridor zu leben.
Diese Beobachtungen legen nahe, dass Lemuren das Gebiet bereits nutzen. Sie belegen nicht, dass alle Arten sich dort dauerhaft bewegen, Nahrung finden oder fortpflanzen können. Der im Bericht zitierte unabhängige Fachmann weist darauf hin, dass kleinere Arten junge Wälder nutzen können, während größere Arten möglicherweise warten müssen, bis die Bäume ausgewachsen sind. Wie lange das dauert und welche Bedingungen dafür genau erforderlich sind, geht aus den verfügbaren Informationen nicht hervor.
Der Begriff «Korridor» beschreibt somit eine erwartete Funktion – Bewegungen zwischen Lebensräumen zu erleichtern – und kein bereits erreichtes ökologisches Ergebnis. Um diese Funktion zu überprüfen, muss beobachtet werden, wie sich der Lebensraum entwickelt und welche Tiere ihn nutzen; dabei ist zwischen einem gelegentlichen Vorkommen und einer regelmäßigen Nutzung zu unterscheiden. Die Dauer der Beobachtung wird entscheidend sein, zumal die Partner angeben, sie auch nach dem für Dezember 2027 vorgesehenen Ende der Pflanzungen fortsetzen zu wollen.
Wiederherstellung bedeutet auch, den örtlichen Belastungen zu begegnen
Die Fläche ist kein unberührtes Gebiet, das einfach neu bepflanzt werden kann. Der Bericht erwähnt eine frühere Eukalyptusplantage, deren Bäume zur Holzkohleherstellung eingeführt wurden, sowie invasive Pflanzen. Eukalyptusbäume können das Wachstum einheimischer Arten hemmen. Die Partner prüfen, wie sie nach und nach entfernt werden können, ohne den Lebensraum übermäßig zu beeinträchtigen und ohne unverhältnismäßige Kosten zu verursachen. Außerdem loten sie eine Zusammenarbeit mit Viehhaltern aus, um eine eingeführte Futterpflanze vor Ort zu bewirtschaften.
Bei der Wiederherstellung müssen auch die Wechselwirkungen zwischen Tieren und Pflanzen berücksichtigt werden. Lemuren verbreiten Samen, indem sie Früchte fressen. Diese Beziehung begünstigt jedoch nicht zwangsläufig in allen Situationen den einheimischen Wald. Ein weiterer Artikel von Mongabay beschreibt den Fall der Erdbeer-Guave (Psidium cattleyanum), die ursprünglich aus Brasilien stammt: Wenn ihre Früchte verfügbar sind, können Lemuren sie einheimischen Früchten vorziehen und zur Verbreitung ihrer Samen beitragen. Das spricht dafür, die sich ansiedelnden Pflanzenarten zu beobachten, statt jede Verbreitung durch Tiere als förderlich für die Wiederherstellung anzusehen.
Auch die menschliche Nutzung gehört zu derselben Landschaft. Das Projekt bringt Naturschutzorganisationen und lokale Akteure zusammen. Dem Bericht zufolge haben Einwohnerinnen und Einwohner Arbeitsplätze bei der Saatgutsammlung, in Baumschulen, beim Pflanzen und bei der Beobachtung gefunden. Partner nennen zudem Ökotourismus, Bildung und Zugang zur Gesundheitsversorgung als laufende oder geplante Maßnahmen. Diese Initiativen werden als Mittel dargestellt, um den Naturschutz und die Lebensbedingungen vor Ort zu unterstützen; ihre langfristigen Auswirkungen sind anhand der vorliegenden Angaben jedoch noch nicht gemessen worden.
Ein Korridor ersetzt keinen alten Wald
Das Projekt soll die Verbindung zwischen zwei Schutzgebieten wiederherstellen. Die Verantwortlichen erinnern jedoch daran, dass ein wiederhergestellter Wald kein intaktes Primärökosystem ersetzt. Dieser Unterschied verdeutlicht die Dimension der Aufgabe: Das Pflanzen und Beobachten eines Korridors kann dazu beitragen, Waldstücke wieder miteinander zu verbinden und einen Lebensraum im Aufbau zu schaffen. Der Schutz der alten Wälder bleibt für die Artenvielfalt Madagaskars unverzichtbar.
Die Frage lässt sich also nicht auf die Zahl der bepflanzten Hektar reduzieren. Es geht auch darum, welche Arten sich dort ansiedeln, wie die Vegetation heranreift, wie eingeführte Pflanzen bewirtschaftet werden und ob die menschlichen Nutzungsformen fortbestehen. Die bisherigen Beobachtungen liefern erste Anhaltspunkte. Ob der Durchgang zu einem funktionierenden Lebensraum für mehr Lebensformen wird, lässt sich erst durch Beobachtung über einen längeren Zeitraum feststellen – nicht allein durch die Ankündigung einer Pflanzung.
Das Lemur Conservation Network legt den Welt-Lemurentag auf den letzten Freitag im Oktober, also 2026 auf den 30. Oktober. Über diesen Aktionstag hinaus erstreckt sich die Wiederherstellung von Lebensräumen über mehrere Jahre.
Quellen
- A reforestation corridor in Madagascar offers a future for lemurs and locals — Mongabay, April 2026
- World Lemur Day: How can we save these primates’ forest homes? — Mongabay
- World Lemur Day — Lemur Conservation Network
Foto: Andrianarivelo Rotsy Fitiavana — Wikimedia Commons — CC0 1.0.






